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August 05

Urlaub in der Ukraine auf der Halbinsel Krim 2004

 

 

In jedem Jahr machen sich viele Menschen Gedanken wann und wo der nächste Urlaub stattfinden soll. So auch wir !

 

Wir, das sind mein Mann Rainer, 47 Jahre, Elektroingenieur und ich Sylvia, 42 Jahre, kaufmännische Angestellte. Wir leben im Raum Leipzig und haben nach der Wende unsere Urlaubsziele in der ganzen Welt sorgsam ausgewählt. Es gab viel nachzuholen.

Im letzten Jahr wurde eine Einladung an uns erneuert, endlich mit dem Studienfreund meines Mannes, die Familie auf der Krim zu besuchen. Zum besseren Verständnis – mein Mann hat 5 Jahre in Minsk studiert und gelebt. Damals noch Sowjetunion und heute Weißrussland. Sein Studienfreund Wanja lebt heute noch mit seiner Familie in Weißrussland, in Brest.

 

Aus dem DDR-Russischunterricht war ich, wie ich dachte, bestens informiert. Bis dahin kannte ich nur: Land mit der höchsten Planerfüllung, Land mit den meisten „Straßen der Besten“, Land mit den meisten Aktivisten aber auch mit dem meisten Pro-Kopfverbrauch an Wodka. Nicht zuletzt war es mir auch bekannt durch seine liebenswerten und gastfreundlichen Menschen. Meine Neugier war geweckt und unser nächstes Urlaubsziel sollte eine Reise auf die Halbinsel Krim sein.

 

Die Vorbereitungen gestalteten sich als sehr kompliziert. Die meisten Reisebüros welche wir mit unseren Fragen nach Visa und Anreisemöglichkeiten „belästigten“, waren froh als wir wieder gingen. Auf gleiche Fragen bekamen wir in unterschiedlichen Reisebüros  unterschiedlichen Auskünfte.

Verlockend waren da wieder die Plakate vom Urlaub auf den Malediven, Dominikanischen Republik, Australien u.s.w. Wir wollten aber auf die Krim und entschieden uns die Organisation selber in die Hand zu nehmen!

 

Nachdem wir entschieden hatten, dass Bahn, Bus oder Flugzeug zu umständlich waren, entschieden wir mit unserem Auto (Ford Focus Bj.02) auf Reisen zu gehen. Von Wanja kam eine Privateinladung für unsere Visa, und vom ADAC ein umfassendes und sehr hilfreiches Tourenpaket. Dafür an dieser Stelle ein Riesenlob!!!

Unsere Einreise bekamen wir problemlos in einem Visabüro in Leipzig binnen 2 Wochen.

 

Endlich war für meinen Mann der Moment gekommen, sich auf das „Kampftrinken“ vorzubereiten. Er steigerte seinen Konsum von täglich einer Flasche Bier allmählich und sah dabei sehr glücklich aus. Ich kümmerte mich um unseres persönliche Reisegepäck, Gastgeschenke und eine gut sortierte Reiseapotheke (Antibiotika, Schmerzmittel sowie Einwegspritzen sind empfehlenswert). Auch Sagrotan   befand sich in unserem Gepäck. Dass ich damit Probleme bekommen sollte konnte ich mir nicht vorstellen. Aber ich sollte noch viel lernen. Von meinen Eltern bekamen wir deren Autokühlschrank und so konnten wir einiges an Wurst und Aufschnitt mitnehmen, welche unsere russ. Freunde so sehr liebten. Unser Auto war betankt bis zur Grenze in Görlitz , die Handys geladen. Alles war aufs Beste vorbereitet. Wir wussten, dass unser Hund für die nächsten 3 Wochen bei unserer jüngsten Tochter gut versorgt ist, und so konnten wir am 23. August 04 starten.

 

Unsere Reise sollte uns am ersten Tag von Leipzig über die Grenze Görlitz (Tankstop!!!) nach Wroclaw, Krakow bis Rzeszow ca. 90 km vor die ukrainische Grenze führen. Da wir wussten, dass die Autobahn bis Wroclaw noch im Umbau war, umfuhren wir dies. Danach wurden wir von einer Autobahn überrascht welche man in unseren Breiten  suchen muss. Alles hochmodern ausgebaut, jede Ausfahrt optimal beleuchtet und... kaum Verkehr. So lieben wir das Reisen.

 

Kurz hinter Rzeszow fanden wir ein kleines und sehr feines Motel. Auf dem Parkplatz stand ein deutscher Reisebus, so hatten wir ein besseres Gefühl unser Auto dahinter versteckt zu sehen. Wir schliefen ruhiger, aber trotzdem führte uns unser erster Weg am folgenden Tag zum Parkplatz.  Alle Sorge war unbegründet.

Ein reichhaltiges sehr gutes Frühstück erwartete uns kurz darauf. Alles war im Preis von 25 Euro für 2 Personen enthalten. Es war so toll, dass wir beschlossen auf dem Rückweg ebenfalls dort zu übernachten. Aber alles kam irgendwie anders.

Für diesen Tag hatten wir uns mit Wanja, und dessen Frau Venera  ca. 200 km  hinter der ukrainischen Grenze bei Ternopol verabredet.

Der Weg bis zur Grenze führte uns durch wunderschöne Landschaft mit einer umwerfenden Fernsicht. Bei einem kurzen Stop genossen wir alles.

Am Grenzübergang war wenig Betrieb. Irgendwie waren wir Exoten unter den Wartenden.

Wir erhielten ein Formular zum Ausfüllen, welches auch unsere Reisezieladresse erfragte. Tja!  Und nun? Die wussten wir nicht. Wir wussten nur: “Oma auf der Krim“. Was konnte man damit nur vor den strengen Blicken der Zöllner anfangen!? Wir entschieden uns dichterisch tätig zu werden und erfanden eine Adresse, die es sicher so noch nicht gegeben hat. Ganz wohl war uns aber nicht dabei. Zur Sicherheit schrieben wir alles für die Heimreise auf. Ein mulmiges Gefühl begleitete uns durch die Zollkontrolle. Wir bemühten uns locker auszusehen und siehe da... unwichtig. Wichtig war nur unser Auto mit Fahrzeugnummer. Diese wurde an Stellen gefunden von denen ich noch nicht mal wusste dass es sie gab. Alles stimmte mit den Papieren überein und da das Auto auf mich zugelassen war, erntete mein Mann mitleidige Blicke.

Unsere Fahrt konnte weitergehen, aber schon nach 500m  wurden wir angehalten. Wir befürchteten einen schweren Verstoß, die Hand war am Portemonaise. Wir hatten uns getäuscht. Unsere Auslandskrankenversicherung wurde geprüft. Wir hatten alle Unterlagen komplett mit und sie wurde auch akzeptiert. Wir konnten weiterfahren. Wieder zu unserem Erstaunen. Unsere Handys wurden vom ukrainischen Anbieter auf das Herzlichste begrüßt und wir grüßten gleich nach Hause das alles super geklappt hat.

Nach wenigen km waren wir in einer anderen Welt. Viele kleine Dörfer und vor jedem Haus standen Tische mit Obst und Gemüse, welche vom Erzeuger bewacht wurden. Dieser Anblick sollte uns die ganze Reise begleiten, und ich erfuhr wie lebensnotwendig dies für die Einheimischen ist. Mit großer Bewunderung sahen wir auch die prächtig restaurierten Kirchen und mein Mann fand eine 750-kV Leitung bemerkenswert.

Wir hatten uns vorgenommen, einen kurzen Stop in L`vov zu machen, um einen alten Friedhof zu besichtigen von dem uns erzählt wurde. Viele Kulturen, die dort gelebt haben, sollten dort vereint zu finden sein, was eine Besichtigung unbedingt lohnte. Wir fanden ihn leider nicht was ich sehr bedauerte.

 

An unserem Treffpunkt angekommen waren wir die Ersten. Rainer versuchte Wanja auf dessen Handy zu erreichen aber auf sein Klingeln wurde nicht reagiert. Verunsicherung machte sich breit. Nach 2 Stunden meldete sich Wanja endlich bei uns. Er erzählte, dass sich beim Kauf einer neuen Telefonkarte automatisch seine Nummer ändert. Unsere Rufe gingen also unzählige mal ins Leere. Wanja sagte, dass er eine lange Wartezeit bei seinem Grenzübergang (Weißrussland-Ukraine) hatte und es noch weitere 2 Stunden dauern würde. So war es dann auch. Freudig über unser Wiedersehen  begrüßten wir uns. Die Wodkaflaschen blieben zu, denn wir wollten noch einige Kilometer fahren.

Mit einsetzender Dunkelheit kamen wir an einem „Motel“ an, welches unsere Freunde schon von früheren Reisen kannten. Wie es in der Ukraine üblich war besahen wir uns die Zimmer, und entschieden uns, für 8 Euro zu bleiben. Rainer und ich bekamen eine Unterkunft mit „Bad“. Dieses war funktionsbereit was wir schnell am nassen Fußboden und tropfenden Armaturen erkannten. Es roch leicht muffig, aber nach diesem anstrengenden Tag war uns alles egal. Erschöpft aßen wir alle gemeinsam Abendbrot und... da war sie, die erste Wodkaflasche. Für uns Frauen gab es Wein und so stießen wir mit zahlreichen Trinksprüchen an. Die Erschöpfung machte schnell Platz für die Freude. Ein nicht enden wollendes Lächeln  breitete sich auf unseren Gesichtern aus. So lernte ich die Wirkung und Bedeutung von Wodka und fand es toll.

Am nächsten Morgen wollten die Alkoholika sehr zeitig von mir und so ging ich zur Toilette. Nach Sagrotenanwendung und meiner Erleichterung sah ich neben mir ein Bidet in dem ein kleiner Käfer den Ausgang suchte. Ich entschied mich ihm zu helfen und spülte. Weg war er!  Beim Frühstück wurde ich dann über die Vorzüge dieser Unterkunft aufgeklärt. Günstige Lage, günstige Preise und... fast keine Kakerlaken. Das ließ mich stutzen denn ich wusste  durch meine Mithilfe gab es nun noch eine weniger. Freude und Unbehagen wechselten in immer kürzeren Abständen. Unbehagen siegte!

 

Unsere Reise ging weiter. Über die Hälfte hatten wir schon. Kurz hinter Vinica machten wir in einem Ort Pause welcher bei jedem Russen und Wodkaliebhaber glänzende Augen ins Gesicht zaubert. NEMIROV,  die ungekrönte Hauptstadt des Wodkas . Ein unscheinbarer Ort mit Lenindenkmal und... Werksverkauf.

Unsere Bestände wurden aufgefüllt und mir wurde erklärt, dass dies der beste Wodka wäre. Kratz nicht im Hals, ist optimal verträglich und am nächsten Tag kein Kater weit und breit. Beide Männer bestätigten es mit grenzenlosem Lächeln und wir Frauen fügten uns in unser Schicksal. In Nemirov fanden wir dann auch schnell eine Tankstelle für unsere Autos und konnten so alle Beteiligten zufrieden stellen. Unsere anfängliche Besorgnis nach ausreichend Tankstellen mit „verträglichem“ Benzin stellte sich als unbegründet heraus. Neu gebaute Tankstellen sahen wir zu Hauf, und alle führten auch bleifrei zu traumhaften Preisen von 50 Cent pro Liter.

Kurz hinter Nemirov wurde Wanja geblitzt. Wir hatten Glück weil wir knapp hinter ihm fuhren und so die Blitzpistole uns nicht erreichen konnte. Strafe war Verhandlungssache und nach wenigen Minuten konnten wir unsere Reise fortsetzen. Nach wenigen Kilometern  bemerkten wir die Lichtzeichen des Gegenverkehrs  und wussten sie sofort zu deuten. Wir wurden nicht enttäuscht denn von diesem Moment an tappten wir nicht mehr in eine Radarfalle. Dank an die ukrainischen Autofahrer für das verlässliche  Hilfsmittel, denn schnell kann man in eine Falle geraten weil teilweise Ortseingangs- und -ausgangsschilder fehlten und man  so seine Geschwindigkeit schlecht anpassen kann. Das Autofahren in der Ukraine ist, so finde ich, sowieso ein Abenteuer. Man fährt auf wunderschönen Alleen in einer bezaubernden Landschaft aber die Fahrweise von Mensch und Tier grenzt an Kamikaze. Man wird durch rasantes Heranfahren von hinten bedrängt, geschnitten und ausgebremst. Ich war froh nicht fahren zu müssen. Leider sieht man viele Tiere, zu meist Hunde, die neben oder auf der Fahrbahn liegen. Keiner nimmt Anstoß daran. Leider! Wir durften aber auch Hunde sehen die an der Ampel auf grün warteten und erst dann die Fahrbahn überquerten. Sehr geschickt!

 

Bei Uman stießen wir auf die Autobahn Richtung Odessa. Sie war damals noch im Ausbau und so zuckelten alle mit Tempo 50 Richtung Süden. Einige LKW hatten selbst bei diesem Tempo an Steigungen Schwierigkeiten. Auf einer zweispurigen Fahrbahn blieben sie kurzer Hand stehen und bei unserem Überholversuch erkannten wir im Gegenverkehr einen anderen LKW der bergab rasant rollte. Bei einigen Manövern hatte ich mir die Augen zugehalten und öfters passte nicht mal eine Briefmarke zwischen beider Autospiegel. Da erkennt man fahrerisches Können, gutes Augenmaß und  Rücksichtnahme. Ab und zu fiel auch mal eine Melone von einem LKW. Glück hatte der, der sie nicht „fangen“ musste. Nach sehr langem Zuckeln, brütender  Hitze und einer verpassten Ausfahrt fanden wir die Straße Richtung Nikolajev.

In der Nähe hatten wir unseren nächsten geplanten Stop. Der kleine Ort hieß Rakowoje. Zu deutsch – Krebsdorf. In der Nähe eines Flusses gelegen bestritten die Bewohner ihren Unterhalt mit dem Verkauf von Krebsen. Frisch gefangen und zubereitet -  vor dem Grundstück verkauft. Wir entschieden uns lieber für eine kleine Gaststätte mit einer schönen schattigen Terrasse. Alle vier konnten wir gut und günstig essen und uns dabei etwas erholen.

 

Nach unserer Weiterfahrt wurden wir wieder gestoppt. Diesmal eine Umweltkontrolle. Ein alter verrotteter Lada stand am Wegesrand und hatte es sich mit seinen beiden Insassen in ungewöhnlicher Uniform zur Aufgabe gemacht, unsere Abgaswerte einzufordern. Auf der Kühlerhaube stand ein selbstgebauter Holzkasten mit  Schläuchen, Kabeln und Klammern. Wir zeigten unsere Abgasplakette und wurden bitter enttäuscht. Diese zählte nicht! Unser beider Auto  wurde als schädlich eingestuft. Nun wurde auf Veneras ausdrücklichen Wunsch Dokumente vorgezeigt, welche die Amtlichkeit der Kontrolle bestätigen sollte. Es war wohl nach Veneras Vorstellung nicht ausreichend, denn es wurde lautstark diskutiert und verhandelt. Wir ließen währenddessen unser Auto nicht mehr aus den Augen. Dieser Holzkasten sollte bei uns nicht zum Einsatz kommen!

Nach ca. 1 Stunde gingen den Beamten Argumente und Puste aus, und so konnten wir ohne Bezahlung weiter. Bald wurden wir aber von der nächsten Kontrolle heimgesucht und da gab es keine Diskussion. Diese schauten strenger und wir bezahlten. Dafür waren sie bereit ein Foto mit uns zu machen. Das versöhnte uns wieder.

Nun wurde die Fahrt anstrengender. Es dämmerte schon und bis zu unserem Urlaubsziel waren noch einige Kilometer zu fahren. Eine weitere Unterkunft war auch nicht möglich da es keine Hotels oder Motels gab. Wir fuhren in der Dunkelheit weiter, was sehr schwierig war. Es gab kaum Beleuchtung, schlechte Beschilderung und keine Straßenmarkierungen. Wanja fuhr vor uns und so hielten wir durch. An der Grenze zur Krim wurden nur wir diesmal angehalten, denn ein Zöllner wollte wissen wohin wir fahren und woher wir kamen. Wichtig war für ihn auch ob wir russisch sprechen können. Nachdem wir alles bereitwillig beantwortet hatten begrüßte er uns in gebrochenem Deutsch mit „Herzlich Willkommen“. Genau so fühlten wir uns in diesem Moment.

 

Unsere Fahrt führte uns in den nördlichen Teil  der Krim. Ein kleines Dorf bei Dschankoj sollte für die nächsten Tage unser Quartier werden.

Es war 2 Uhr als wir ankamen. Es war stockdunkel, aber es gab einen sternenklaren Himmel der uns sehr faszinierte. Eine nette ältere Dame begrüßte uns auf das Herzlichste. Schnell war unsere Müdigkeit überwunden und bei einem kleinen Abendbrot mit Begrüßungstrunk lernten wir uns kennen. Die ältere Dame war Veneras Mutter die allein mit ihrem Hund in dem kleinen Häuschen lebte. Wir  freuten uns schon auf die folgenden Tage die wir bei ihr verbringen sollten aber zuerst wollten alle schlafen.

 

Nach ausgiebigen Schlaf waren wir sehr neugierig wie unser Urlaubsort aussah. Es war ein kleines Dorf. Die Menschen lebten in einfachen Verhältnissen. Haustiere liefen munter auf der Straße und jeder Dorfbewohner hatte in seinem Garten am Haus allerlei nützliches Gemüse und Pflanzen angebaut. Alles zahlreich, so das noch genug für den Verkauf da war.

Die Kühe trotteten jeden Morgen friedlich auf ihre Weide und wurden von einem Begleiter bewacht. Traute Idylle die ich nur aus dem Fernseher kannte und die ich  sehr genoss.

Auch unser Quartier war einfach. Ein Wasserrohr als Waschgelegenheit und Toilette hinterm Haus. Die Toilette hatte eine Besonderheit. Es war ein Sitzklo. Die typischen Stehtoiletten sollte ich später kennen lernen. Hinter dem Haus schloss sich der Nutzgarten an. Allerlei Gemüse und Kräuter sowie Gewürze waren angebaut. Es duftete sehr nach frischem Basilikum aber leider auch nach Qualm. Die Nachbarin hatte gerade ihren Müllverbrennungstag und der Wind stand für uns ungünstig. Da es keine Müllbeseitigung gab, waren die Bewohner auf diese Art angewiesen. Schade für deren Umwelt und Natur.

 

Nach unserem Frühstück  war ein Besuch auf dem Markt geplant. Die Vorräte mussten aufgefüllt werden. Nur wenige Kilometer mussten wir fahren um in Dschankoj einen zu finden. Babuschka (russ. für Oma) wollte zuerst zur Apotheke. Ein Fenster in einem Wohnhaus sollte es sein. Sie hatte von einem neuem Medikament gehört welches für ihre offenen Beine gut sein soll. Da es keine gesetzliche Krankenkasse gibt, hat sie lange von ihrer umgerechnet  25-Euro Rente gespart, um es sich leisten zu können. Das Geld von uns lehnte sie leider ab. Unsere Gastgeber steuerten zügig Stände an. Wir waren beeindruckt von der Vielfalt der Angebote, mussten aber erfahren das nur wenige sich die Waren der freien Händler leisten können. Schlecht für Händler und Käufer.

Schnell war Fleisch und frisch duftendes Brot gekauft und wir wollten zurückfahren. Verwundert sah ich am Straßenrand einige Rentner auf dem Fußboden sitzen die vor sich Schrott breitgelegt hatten. Auf meine Frage wurde mir erklärt es sei kein Schrott sondern Ersatzteile zum Verkauf. Mit größter Sorgfalt  wurde jedes einzelne Teil behandelt und keiner der Passanten zeigte Interesse. Ich war sehr erschüttert, denn es war ein trauriger Anblick.

 

Bei unserer Ankunft zu Hause war Besuch eingetroffen. Der Bruder von Babuschka saß in der Stube und begrüßte uns mit den Worten: „Guten Tag! Ich habe euch von den Nazis befreit.“ . Ein eigenartiges Gefühl durchfuhr uns. Er erzählte uns, dass er Königsberg mit befreit hatte. Er lebte schon immer mit seiner Familie als Tatare auf der Krim- wie auch Babuschka. Zu Stalins Zeiten bekamen alle Tataren das Versprechen, wenn sie als Soldat mit in den Krieg ziehen, werden sie nicht verbannt. Er glaubte es und als er nach dem Krieg nach Hause kam war seine gesamte Familie weg. Alle vertrieben nach Usbekistan und erst Anfang der 90er Jahre durfte er als Fremder im eigenem Land zurück. Er sprach davon, dass es ihm aber gut gehe denn er lebte mit seiner Tochter und deren Familie in einem kleinen Häuschen und als Kriegsveteran bekommt er umgerechnet 50 Euro Rente.

 

Die Frauen hatten in der Zwischenzeit zur Begrüßung ein Festmahl gezaubert. Bald wurde gegessen, getrunken, viel gelacht und erzählt. Viele Fragen mussten auch wir beantworten. Der Abend wurde für beide Seiten sehr interessant, lehrreich und lustig. Wodka löste alle Zungen und Gesichtsmuskeln.

 

Am folgenden Tag wollten wir endlich das Meer sehen. Im Norden der Krim grenzt das Asowsche Meer. Wir fanden nach langem Suchen einen „Strand“. Weit und breit war keiner, denn zum Baden war es nicht geeignet. Die Sonne schien und der erste Sonnenbrand war meine. Wanja hatte einen selbstgebauten Grill mitgenommen und so wurde am frühen Abend gegrillt. Neugierig fragten wir von wo der Kaviar auf der Krim käme. Kurzentschlossen fanden wir uns im Auto wieder und fuhren einige Kilometer nördlicher. Angekommen sind wir an einem Markt, dessen Händler sich auf Kaviar sowie Fisch und Melonen spezialisiert hatten. Einen großen Unterschied zu dem uns bekannten Markt gab es doch, denn hier wurden die wertvollen Waren aus dem Auto verkauft. Die Nummernschilder waren mit Decken zugehangen um nicht erkannt zu werden, und der Zündschlüssel steckte für eine schnelle Flucht im Schloss. Zahlreiche Busse aus Russland waren da, um ihre Vorräte für die Heimreise aufzufüllen, und auch Kaviar mitzunehmen. Auch wir konnten nicht widerstehen und wurden zu einer Kostprobe eingeladen. 12 verschiedene Sorten wurden uns angeboten und es war sehr verlockend ein 500gr Glas für umgerechnet 5 Euro mitzunehmen.  In Sichtweite sahen wir Zöllner welche aber, wie uns versichert wurde, schon bezahlt waren.

 

Noch einige Tage blieben wir bei Babuschka. Bei vielen Unterhaltungen mit viel Spaß und Wodka erfuhren wir, wie es sich so auf der Krim lebt, und wie man überlebt. Selbst der kleine Hund konnte „berichten“. Ihm wurde eines Nachts sein Fressnapf gestohlen, weil dieser aus Aluminium war. Seit dem frist er aus einem altem Kochtopf. In den letzten Wintern gab es häufig Stromabschaltungen. Dies machten sich einige „schlaue“ Diebe zum Nutzen, und begannen die Freileitungen zu klauen. Die Freude hielt aber nur kurz, denn die Stromversorger reagierten und schalteten in kurzen Abständen zu. Wie reife Pflaumen seien die Diebe von den Leitungen gefallen. Genaue Zahlen über Vermisste sind nicht bekannt.

 

Für meinen Mann war dies alles sehr interessant. Schon während der Fahrt staunte er über den  Zustand der Stromanlagen und fragte sich, wieso das alles noch funktionierte. Als Ingenieur  eines Stromversorgers bei uns zu Hause meinte er zu Wanja, dass diese „Zustände“ für ihn ein Kündigungsgrund wären. Wanja schmunzelte und verstand.

 

Die Zeit war gekommen unsere Reise fortzusetzen. Wir fuhren weiter nach Feodosija,

einer Stadt im Südosten der Krim am Schwarzen Meer. Unweit, in einem kleinem Dorf,  wohnte Lenora, die Schwester von Venera mit ihrem Mann und den beiden 12 und 13jährigen Kindern. Die Fahrt dahin war wunderschön. Vorbei an Weinplantagen und endloser Weite mit freier Sicht. Bei einem kurzem Stop konnten wir endlich im Schwarzem Meer baden. Es war himmlisch.

 

Mit den Worten: “Wir warten schon seit 2 Jahren das ihr kommt“ wurden wir herzlich begrüßt. Wir wussten, dass wir erwartet wurden, aber so lange schon. Lenora und ihr Mann Naim bewohnten ein großes Haus. Wir erfuhren, dass noch vor kurzem  Naims Schwester sowie deren Eltern hier lebten. Nach der Hochzeit der Schwester sind alle ausgezogen und wohnten ebenfalls im Dorf.    

Schnell wurde die Garage freigemacht und unser Auto bekam ein Dach über sein Dach. Ein gutes Gefühl. Mein Blick und meine Nase erspähten einen ebenfalls wichtigen Ort. Das stille Örtchen. Erzählt wurde mir in der Vergangenheit schon viel darüber. Ich wusste von einem Loch im Fußboden und dass Zielsicherheit wichtig ist. Nun stand ich davor, dachte an mein Sagrotan im Gepäck und hatte keinerlei Vorstellungen. Einige Schluck Wodka sollten helfen um die Angelegenheit „lockerer“ anzugehen. Kurze Zeit später ließ sich mein Problem nicht mehr umgehen, und ich beschloss es hinter mich zu bringen. Der Türgriff von innen war mir eine große Hilfe, aber zielsicher war ich beim besten Willen noch nicht. Jeder Toilettengang wurde zu einer neuen Herausforderung der ich mich stellen musste. Mein Mann war verwundert über meine Schwierigkeiten. Später erfuhr ich von der genauen „Technik“ und hatte die Lacher auf meiner Seite. Ich hätte mich nur auf den Stein neben dem Loch hochstellen müssen. Meine Sagrotantücher, für den Toilettensitz, brachte ich unbenutzt und  fast vollzählig wieder mit nach Hause.

 

Auch hier war der Tisch schnell zum Willkommen gedeckt und die Kinder halfen fleißig mit.

Lenora wusste aus einfachen Dingen ein Festmahl zu zaubern. Sie war eine wahre Meisterin. Wir erfuhren, dass sie gelernte Köchin ist, aber seit ihrer Heimkehr auf die Krim keine Anstellung bekam. Als Tatarin hatte sie keine Chance, und bis vor kurzen war dies auch im Ausweis vermerkt. Sie erzählte uns von ihrem jetzigem Leben. Sie und ihr Mann hatten sich auf dem Markt einen kleinen Stand gemietet und standen jeden Morgen um 3 Uhr auf, um am Straßenrand 7-9 Stiegen Obst und Gemüse zu ordern, welche sie weiter verkauften. Die Kinder mussten schon zeitig selbständig sein, da die Eltern erst am späten Abend nach Hause kamen. Dann steht aber das Abendbrot auf dem Tisch und zahlreiche Arbeiten waren erledigt. Alles war genau abgestimmt, denn das Geld was die Eltern verdienten muss über den Winter reichen.

Viele Fragen mussten auch wir beantworten. Die Frauen interessierten sich sehr für das Einkaufen und die Preise und Naim für Autos, deren Preise und Arbeit. Wie bei uns zu Hause. Sehr erstaunt waren sie zu hören, dass bei uns Märkte nicht zum Stadtbild gehörten. Einen Supermarkt konnten sie sich nur schwer vorstellen. Es wurde wieder viel Wodka zur Begrüßung getrunken und am folgenden Tag war Naim arbeitsunfähig. Daraufhin gönnten sich beide einen freien Tag.

Wanja, Venera und wir machten einen Ausflug nach Feodosija. Das muntere Treiben ähnelte sehr dem Treiben am Balaton. Zahlreiche Urlauber waren zu sehen ,die auf dem Weg zum Baden waren. Viele Geschäfte und fliegenden Händler reihten sich an der Meile und boten allerlei schöne Dinge an. Wir wollten der Versuchung aber vorerst wiederstehen und besuchten eine kleine Bildergalerie. Der Künstler hatte seine Werke ausschließlich dem Schwarzen Meer gewidmet. In Kürze sollte eine Führung beginnen und wir reihten uns geduldig ein. Kurze Zeit später wurden wir von einer energisch einfordernden Frauenstimme erwartet. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte die Hacken zusammengeschlagen und wäre stramm gestanden. Einige Besucher taten es merklich. Schlagartig traute keiner mehr zu reden, und die Führung begann. In mir kochte es hoch! Die Art und Weise, sowie der Ton störten mich gewaltig, und ich wendete mich provozierend ab. Bei diesen Bedingungen konnte ich für mich keinen Kunstgenuss erwarten. Rainer sah das auch so und wir verließen fluchtartig die Räumlichkeit.

 

Da waren sie nun – die fliegenden Händler. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und entschied, ich brauche eine Sonnenbrille. Interessiert wendete ich mich an einen nahen Stand. Meine Körpersprache zeigte deutliches Kaufinteresse. Die Enttäuschung war groß, als ich bemerken musste, dass beiden „Verkäuferinnen“  keinerlei Lust hatten ihre Ware zu veräußern. Beide waren in einem innigem Gespräch damit beschäftigt, dass ihre Schminke, Kleidung und Fingernägel mehr Aufmerksamkeit verdienten. Geduldig wartete ich einige Minuten und entschied dann, dass meine alte Sonnenbrille auch weiterhin meine Beachtung bekommt und ging. Trotzdem war ich weiter mutig und wagte mich an einen weiteren Stand. Ein zweiter Versuch musste her! An diesem Stand verkaufte eine ältere Dame Modeschmuck  aus Naturstein, welches ein Geschenk für unsere Kinder werden sollte.

Die ältere Dame war sehr damit beschäftigt einem Kunden ihre Ware anzubieten sowie auf alle Vorzüge hinzuweisen. Ich wollte mir in der Zwischenzeit einen Überblick verschaffen und besah mir die Auslage. Neugierig nahm ich die an einem Band zusammengebundene Ringe, um eine brauchbare Größe zu finden, und wurde sofort böse von der Händlerin beschimpft. Auf russisch schimpfte sie wild auf mich ein und fuchtelte mit den Armen wie wild. Alle Blicke waren auf mich gerichtet und ich wusste nicht welches Verbrechen ich begannen hatte. Sah sie in mir etwa eine Diebin? Die Auflösung erhielt ich durch meinen Mann der mir übersetzte. Die Dame befürchtete einen „Schwächeanfall“ meinerseits so das die Ringe aus der Hand fallen  könnten. Einen Herzanfall vor Schreck nahm sie aber gelassen hin. Mein Kaufinteresse löste sich im Nu auf, und ich kam schwer ins Grübeln, in welche Gefahr ich mich begeben müsste um etwas zu kaufen. Für das nächste Mal, wenn es eins geben sollte, wollte ich mich besser vorbereiten. Wir begnügten uns mit Warten auf Wanja und Venera die sichtlich erschöpft  die Führung in der Bildergalerie überstanden hatten.

Als wir von unsere Erlebnisse berichteten mussten sie lachen. Sie versicherten uns das dies immer so sei und wir im „Aushalten“ nur nicht ausreichend geübt sind. Meine Mitbringsel rückten in weite Ferne. Wenn ich doch Kauflust verspüren sollte wusste ich nun, das mir ein Kampf bevorstehen würde.

 

 

 Wir schlenderten weiter die Promenade entlang, erfreuten uns an Sonne, Meer und frischer Luft und entschieden uns baden zu gehen. Dies taten wir dann auch an den folgenden Tagen. Dann wurde es Zeit unsere Reise mit Wanja und Venera fortzusetzen. Wir hatten uns vorgenommen viel mehr zu sehen.

 

Mein Mann wollte unbedingt Bachciseraj sehen und mich reizten die Paläste und Strände in und um Jalta. Unser Weg führte uns also zuerst nach Bachciseraj, der ehemaligen Hauptstadt der Krimtataren. Seit dem 16. Jahrhundert erhebt sich hier der Khanspalast. Beeindruckende Architektur empfing uns in einer Atmosphäre aus 1001 Nacht. Ein sorgfältig gepflegtes Gelände mit Moscheen und typischen türkischen Bauwerken sowie liebevoll gestalteten Gartenanlagen lud zum Verweilen ein. Wir schlossen uns einer Führung an und waren fasziniert von der prächtigen Ausstattung. Die Erzählungen aus der Führung ließ vor meinen Augen das Leben im Palast neu erwachen. Ich könnte nicht sagen was mich mehr fasziniert hat, die Haremszimmer, der Gebetsraum des Khans, der Tränenbrunnen, der Khansfriedhof oder das kleine Museum mit Szenen aus dem Leben der Tataren u.v.m. Alles war prachtvoll ausgestattet und zu besichtigen. Wir genossen lange den Moment und fuhren erst spät weiter.

 

Es ging weiter Richtung Jalta. Unterwergs dorthin, überraschte uns Wanja als er vor uns abbog. Am Hang des Krimgebirges wurden wir zu einem Höhlenkloster geführt. Ein kleiner Junge bot seine Dienste an, und so bekamen wir einen optimalen Parkplatz mit Führung für 5 Euro. Wir kamen an einen Ort welcher uns auch wieder sehr beeindruckte. Ein Höhlenkloster – noch in Betrieb. Zahlreiche Besucher wollten sich ebenfalls die Besichtigung nicht entgehen lassen. Wir erfuhren, dass die Mönche im 2. Weltkrieg hier noch Partisanen versteckt hielten. Das ganze Kloster war in einen Felsen gehauen und prächtig anzusehen. Wir wurden darauf hingewiesen nicht zu rauchen und leise zu sein. Ebenfalls war es wichtig, dass Frauen nicht ohne Kopfbedeckung oder gar kurz bekleidet erschienen. Sehr interessiert besahen wir uns die Räumlichkeiten, die in leuchtenden Farben mit viel Gold ausgestattet waren und die Pracht und den Reichtum der orthodoxen Kirche erahnen ließ. Am Fuße des Klosters fanden wir eine heilige Quelle. Aus dieser versorgten sich Einheimischen und ihre Gäste flaschenweise. Wir taten es ihnen gleich und auf der Weiterfahrt hatte ich keine Lust mehr zu reden. Rainer meinte, dass wäre der Beweis für die Kraft der Heiligen Quelle.

In Jalta wartete kein Privatquartier auf uns. Wanja und Venera hielten an Ortseingängen wo wir zahlreiche Privatanbieter fanden. Agenten, wie sie sich nannten, standen dort Tag um Tag, machten Werbung für Unterkünfte und bei Interesse fuhren sie vor, um das Quartier zu zeigen. Nach kurzer Suche und Verhandlung fanden wir eine ansprechende Bleibe in Alusta, ca. 40 km vor Jalta. Die oberste Etage in einem Wohnhaus war unser. Über eine Terrasse, welche unser Küche mit Sitzecke war, erreichten wir zwei Schlafzimmer mit Toilette sowie Bad mit Dusche. Einfach, sauber und mit einem umwerfenden Blick auf das Schwarze Meer einerseits und Krimgebirge andererseits. Schnell war unser Gepäck ausgepackt und verstaut. Wir machten es uns auf der Terrasse bei Abendbrot und einem beliebten, immerwiederkehrendem Begrüßungsschluck gemütlich. Die Gesprächsthemen gingen uns nie aus. Ständig gab es viel zu lachen. Zu später Stunde wurden wir von unserem „Herbergsvater“ ermahnt noch leiser zu sein. Sein Auftreten ließ erkennen, dass er früher sicher auch eine große und wichtige Ermahnposition hatte.

 

Am nächsten Tag stand mein Traumziel an. Jalta mit Besichtigung der Zarenresidenz- dem Livadiapalast. Die Fahrt dorthin war beeindruckend. Man kommt um eine Biegung und es erstreckt sich vor einem die Stadt, das Meer und der Hafen. Leider war kein Parkplatz zu finden, um diesen Ausblick zu genießen. Finden mussten wir auch erst die Zufahrt zum Palast. Es gab keine Beschilderung. Nach Fragen und kombinieren fanden wir ihn endlich.

Ein schneeweißer Palast in prächtiger Anlage, im Hintergrund das türkise Meer. Ich war überwältigt.

Schnell fanden wir auch hier eine Führung. Interessantes zur Entstehung und Geschichte des Hauses wurde erläutert. Zwar wieder in diesem allweitverbreiteten Befehlston, aber mir war es egal. Ich erlebte meine eigene Geschichte! Gleich im Eingangssalon stand der Tisch mit den Stühlen der Jaltakonferenz. Wir besichtigten die Zimmer von Präsident Roosevelt, der als Einziger während der Verhandlungen im Palast wohnen durfte weil er sehr krank war, sahen den Konferenzsaal der Berater und weitere Arbeitsräume. Für mich waren die Privaträume der Zarenfamilie am interessantesten. Zahlreiche Privatfotos und Gemälde waren ausgestellt. Am meisten war ich vom Spiel- und Schulzimmern der Kinder angetan. Noch Original Handzeichnungen und Malereien waren zu sehen. Auch erste Schreibversuche der Kinder fanden ihren Platz. Nicht zuletzt will ich erwähnen, das der Palast reich ausgestattet ist, mit buntem Marmor, Mosaiken und riesige Spiegeln. Im Innenhof  ist ein niedlicher Springbrunnen eingebettet in einer Grünanlage.

Von diesem Palast wollte ich unbedingt ein besonderes Andenken mitnehmen. In der unteren Etage wurde ich bei zahlreichen Souvenirläden fündig. Hier traf ich auch endlich auf freundliche Bedienung. Die üblichen Andenken wurden angeboten. Ich fand zwei niedliche Trachtenpuppen, die im Stiel der Zarenzeit gekleidet waren, als Geschenk für meine Töchter. Ich wollte nur einen großen Kalender als Erinnerung den ich nun jeden Tag sehen kann.

Wir spazierten noch einige Zeit in der Parkanlage und genossen alles sehr. Es war wieder ein großes Erlebnis für uns alle, denn auch unsere Begleiter hatten, trotz der zahlreichen Besuche, noch keine Zeit gefunden alles zu besichtigen. Am restlichen Tag besuchten wir Jalta. Die Hitze zwang uns aber schnell ins Wasser. So endete der Tag feucht am Nachmittag und feucht fröhlich am Abend.

 

Noch hatten wir nicht alles gesehen. Unser nächste Ziel sollte das Schwalbennest sein, ein Wahrzeichen der Krim, und auf jeder Postkarte zu finden. Wanja und Venera waren von unserer Neugier längst angesteckt. So machten wir uns wieder gemeinsam daran, die Zufahrt zum Schwalbennest zu finden. Einige Fragen und Kilometer brauchten wir, bis wir einem Mann begegneten, der es sich bezahlen lassen wollte uns zum Denkmal zu lassen. Bei uns nennt man das Wegelagerei. Da wir mit unserem Auto unterwegs waren und so als Touristen gut zu erkennen waren, war der Preis umgerechnet 20 Euro. Das fanden wir nicht lustig und entschieden uns einen Aussichtspunkt zu suchen, wo wir einen guten Blick hatten.

Wir fanden ihn gegenüberliegend auf der Terrasse einer Gaststätte, und konnten so gleich beim Essen den Ausblick genießen.

Dann war das Schwalbennest plötzlich weg. Ein mächtiges Gewitter kündigte sich an und verdunkelte die Sicht. Von Weitem sahen wir auf dem Meer die Blitze und dachten das es an uns vorbeizieht. Nichts war! Schlagartig war alles Dunkel und ein Wolkenbruch setzte alles unter Wasser. Die Treppe, die wir eben noch zu unserem Freisitz gelaufen sind, wurde zum Wasserfall. Ich dachte nur an unser Auto als auch noch kräftiger Hagel einsetzte. Einerseits fand ich eine Autowäsche nach den vielen Kilometern angebracht, andererseits sah ich es schon schwimmend mir entgegenkommen und, ob der ADAC bis zur Krim Hilfe leistet, hatten wir nicht vollständig geklärt. Bei nachlassendem Regen war mein erstes Ziel der Parkplatz! Erschöpft kam ich an und was sah ich !? ... unser Ford Focus Bj. 02 5-türig, ohne Klimaanlage, aber unser ganzer Stolz, stand frisch geduscht da und erwartete uns. Ein erhebendes Glücksgefühl!!! Er brachte uns völlig durchnässt zurück ins Quartier.

 

Viel Zeit blieb uns nicht mehr . Einige Abstriche mussten wir machen. Bei einer unserer abendlichen Unterhaltungen erfuhren wir, dass Wanja und Venera der festen Annahme waren, in Deutschland haben alle 6 Wochen Urlaub und müssen diesen auch ununterbrochen nehmen. Sie glaubten  wir könnten länger bleiben als sie. Wir klärten sie kurz auf, dass für uns die schönste Zeit im Jahr, schon nach 2 Wochen auf der Krim zu Ende sein muss. Uns stand schließlich noch eine lange Heimfahrt bevor. So war klar, wir müssen allein zurückfahren, da unsere Gastgeber noch länger bleiben konnten.

So entschieden wir uns noch den Massandrowpalast zu besichtigen. Wir waren schließlich neugierig wo Honecker und Co. so geurlaubt haben. Am folgenden Tag war es soweit und wir machten uns wieder auf die Suche. Wieder keine Ausschilderung aber wir waren geübt, auch ohne Wegelagerer. Auch hier fanden wir eine gepflegte Anlage und eine Führung. Wir erfuhren, dass der Palast erst seit 1991 wieder für die Öffentlichkeit zugängig ist. Uns wurde die Besonderheit der Architektur durch die verschiedene Baustile erklärt. Das Landgut wurde 1889 der Verwaltung des Zarenhofes unterstellt. Die noch offenen Bauarbeiten wurden unter Alexander III. beendet. Das Innere des Palastes ist reich ausgestattet. Man besichtigt das Esszimmer  mit Originalgeschirr aus der Zarenzeit, Badezimmer sowie die Privatgemächer der Zarin. Sehr beeindruckend fand ich das Empfangs- und Arbeitszimmer des Zaren, welches vollständig eingerichtet war. Vieles mehr gab es noch zu sehen, welches sich hier schwer darstellen lässt.

Auf der Rückfahrt wollten wir spontan das Ferienlager Artek sehen. Vieles wussten wir aus  der Vergangenheit, von besonderen Pionieren die als ganz besondere Auszeichnung ganz, ganz besondere Ferien machen durften. Viele Mythen waren uns im Gedächtnis, welche wir jetzt prüfen wollten. Die Zufahrt war nicht zu übersehen. Ein mächtiges Monument wies uns den Weg. Dort angekommen fanden wir nur Wachschutz und Stachelzäune vor. Dahinter sollten nach dem Wegweiser internationale Kinder ihre Ferien verbringen. Ein erschreckendes Bild und grauenhafte Vorstellung. Kein Blick war zu erhaschen, wir waren sehr enttäuscht. So schlenderten wir durch das alte Fischerdorf Artek zum Strand, und konnten dort einen Blick auf die unbeflaggten Fahnenmaste aus der Ferne erhaschen. Unsere Vermutung erwies sich als richtig – es war die Pionierrepublik.

 

An unserem letzten Tag am Meer entschieden wir uns baden zu gehen. Wir packten unsere Sachen und erreichten bald den Strand von Alusta. Beim ersten Blick über die Mole wurde uns klar, es gab keine freien Plätze mehr. Die Touristenregale waren schon voll. Etwas weiter fanden wir einen Strand mit „Eintritt“. Wir bezahlten brav und bekamen einen der letzten Flächen.

Als uns gegen Nachmittag der Hunger überkam packten wir zusammen und spazierten die Meile entlang, mit dem Ziel, eine Gaststätte aufzusuchen. Dicht an dicht waren sie zu finden. Wir wählten eine mit Blick auf das Meer. Voller Vorfreude wählten wir unsere Gerichte. Der Kellner kam und schon bei der Vorsuppe musste er passen. Er empfahl eine andere und wir fügten uns. Als wir aber unseren Hauptgang bestellten fiel dem Kellner die Farbe aus dem Gesicht. Wir hatten wirklich Schaschlik gewählt. Mit Verständnis einfordernder Miene machte er uns darauf aufmerksam, wir sollen doch Rücksicht auf ihn nehmen. Er müsse deswegen extra das Fleisch schneiden, aufspießen und auch noch grillen. Nein! Das war zu viel verlangt. Im ersten Moment dachte ich wir hätten Clown Popow getroffen der sich mit uns einen Scherz erlaube, aber ich hatte mich geirrt. Wir hatten die Wahl und entschieden uns zu gehen.

Bei der weiteren Suche waren wir vorsichtiger. Wir schickten zu erst einen Späher hinein der alles abfragte. Wenige Meter später wurde unsere Geduld belohnt. Wir fanden ein Restaurant welches auch Geld verdienen wollte. Nach dem Essen besahen wir uns noch die Gegend und bemerkten einen Kwasanhänger am Straßenrand. Kwas ist ein gegorenes Getränk aus Brot. Die Einheimischen und ihre Gäste trinken es sehr gern, weil es den Durst gut löscht. Auf einem Stuhl neben dem Tank lümmelte der Verkäufer. Deutlich war zu sehen wie schwer ihm seine „Arbeit“ fiel. Nur widerwillig schenkte er aus. Er fühlte sich belästigt, und es schien für ihn eine Zumutung zu sein, sein Getränk zu verkaufen. Unser Spruch lautete, wie in den vergangenen Tagen schon oft, „du bekommst unser Geld nicht!“.

 

Der Tag unserer Abreise war gekommen. Von Alusta sollte es noch mal bis zur Babuschka gehen und von dort aus in 2 Etappen nach Hause. Unsere Gastgeber wollten noch ein paar Tage bei Babuschka bleiben und etwas später los.  So fuhren wir gemeinsam Richtung Dschankoj. Vorher kauften wir noch Reiseproviant auf dem Markt und am Straßenrand. Zum Abend wurden alle wieder mit einem Festessen verwöhnt, denn es gab Schaschlik!  Schnell wurden noch Fotos gemacht und Wanja hatte die ganze Wodkaflasche - diesmal für sich allein.

 

Unser Auto war brechend voll beladen. Babuschka kam, brachte ständig noch mehr Gemüse,

Kartoffeln sowie die leckeren weißen, süßen Zwiebeln und die roten Jaltazwiebeln. Eingekochtes und selbstgemachter Honig durften ebenfalls nicht fehlen. Wir bekamen die Kofferklappe nur mit viel Mühe zu.

Am folgenden Morgen 6 Uhr war die Zeit des Abschieds gekommen. Alle waren aufgestanden um „tschüß“ zu sagen. Sie wünschten uns eine gute Heimreise und das wir uns bald gesund wiedersehen. Das wünschten wir ihnen und uns auch.

 

Die letzten Hühner und Gänse rieben sich noch den Schlaf aus den Augen als neben uns die Sonne aufging. Zügig ging es voran. Unser erstes Ziel sollte die „Kakerlakenburg“ von der Hinfahrt werden. Im Stillen hoffte ich es möge sich doch eine andere Lösung ergeben. Bei der ersten Pause stellten wir fest, dass sich im Kofferraum alles selbst seinen Platz gesucht hatte. Gut gerüttelt – nicht gerührt.  Wir fuhren weiter und bekamen wieder die obligatorischen Lichthupen aus dem Gegenverkehr und wussten sofort was zu tun war. Nur einmal nicht. Rainer dachte vom Entgegenkommenden wären eine Reflektion ausgegangen, aber leider nicht. Auf einer abwärts verlaufenden Straße wurden wir geblitzt und mussten halten. Meine Aufregung war deutlich spürbar. Rainer ging mit zum Polizeiauto, zeigte seinen Führerschein, traf auf verwunderte Blicke und das Feilschen über die Strafe begann. Geeinigt hat man sich bei umgerechneten 8 Euro (für 85 km/h in einer Ortschaft). Wir durften weiterfahren.

 

Wieder fuhren wir durch herrliche Landschaften. Zahlreiche Störche auf satten grünen Wiesen waren unsere Begleiter. Schnell war km um km geschafft. Wir suchten uns schöne Fleckchen für unsere Rast aus und kamen gut voran. Gegen späten Nachmittag waren wir an der Kakerlakenburg. Wir riskierten einen kurzen Blick, setzten unsere Fahrt aber fort. Es war zu früh um schon ein Nachtquartier aufzusuchen. Ein Gefühl der Erleichterung durchschoss mich. Wir wollten so weit wie möglich fahren und uns war klar, dass es nur bis zum Einsetzen der Dunkelheit geht.

Bald wurde es merklich dunkler und es musste eine Unterkunft gefunden werden. Rainer war langsam auch erschöpft und so suchten wir angestrengt. Als es schon bedrohlich dunkel war fanden wir kurz vor L`vov ein kleines Motel. Wir hatten Glück, denn es waren noch Zimmer frei. Da das Gebäude ziemlich dunkel am Waldrand lag war ich besorgt um unser „Fortbewegungsmittel“. Ein Angestellter bemerkte dies und verstand mich. Als wir am nächsten  Morgen unsere Reise fortsetzen wollten, fanden wir unser Auto sicher zugeparkt von Einheimischen. Schnell wurden wir befreit und konnten weiter.

 

Am Vormittag kamen wir an der Grenze an. Diesmal sahen wir eine längere Schlange. Geduldig reihten wir uns ein. Nach ca. 4 Stunden kamen wir an die Reihe. Gründlich wurde wieder das Auto geprüft, ein Blick in den Innenraum und als der Kofferklappe geöffnet wurde erschrak unser strenger polnischer Beamte. Er wollte es weder sich noch uns antun, alles auszuräumen. Mit dem Wort „Kontrabantui“ wurden wir fortgeschickt.

 

Wir waren wieder auf unserem Planeten gelandet. Unsere Lieben zu Hause erhielten als Erste die Info. Zügig ging es weiter. In der ersten größeren Stadt machten wir an einem Lidl-Markt stopp um Getränke zu holen. Wir durften spüren, dass Europa zusammenwächst, denn unser Chip für den Einkaufswagen passte problemlos auch hier. Alles war auf einmal bunter und sauberer.

 

Wir schafften es bis Wroclaw. Wieder suchten wir im Dunkeln eine Bleibe. Der Anblick dieser schönen Stadt machte uns neugierig und wir nahmen uns vor, hier noch mal mit mehr Zeit, herzukommen. Wir fanden ein tolles Hotel in der Nähe unserer Autobahn und schliefen erschöpft ein.

Am nächsten Morgen erwartete uns ein fürstliches Frühstücksbüfett mit polnischen Spezialitäten. Sehr zu empfehlen.

 

Nun waren es nur noch wenige km bis nach Hause. Alles ging sehr schnell. Gegen Mittag waren wir wieder zu Hause. Beladen mit viel Gepäck sowie vielen schönen Erlebnissen und Erinnerungen.

 

Wir hatten sehr viel gesehen, liebe nette Menschen kennengelernt, die uns stets herzlich aufnahmen und liebevoll umsorgten. Wir durften von ihren Sorgen,  Nöten und Freuden erfahren, die uns sehr berührten. Der Mut und ihre Hoffnung auf ein einfacheres Leben war spürbar. Wir sahen zahlreiche Menschen die am Straßenrand ihre Ware anboten oder auch bettelnde ältere Menschen denen nicht wichtig war ob Paläste alter Macht oder besonders gute Aussichten zu finden waren. Wir erfuhren von dem Konflikt der heimgekehrten Krimtataren und ihrer Sorge um die Zukunft. Wenn man aus einem Land in Europa kommt wo Grenzen fallen ist es schwer mitzuerleben, dass in anderen Gegenden neue Grenzen gebaut werden. Wir durften erkennen, dass unsere vermeintlichen Probleme vielleicht gar keine sind.

 

Bleiben wird immer der Wunsch nach Gesundheit für unsere lieben Gastgeber, dass die Beine von Babuschka endlich besser werden und sie sich einen Krankenhausaufenthalt leisten kann, um gründlich untersucht zu werden. Wir wünschen Naim, dass er einen günstigen Kleintransporter findet, den er flott machen kann um als Taxifahrer zu arbeiten. Für Lenora wünschen wir uns eine Anstellung in einem Restaurant als Meisterköchin, und Wanja und Venera, dass ihr alter VW Passat noch oft die Strecke auf die Krim zu Babuschka schafft.

 

Wir werden in diesem Jahr Urlaub in Italien machen. Dort waren wir noch nie. Wir hörten schon aus der Presse das hohe Bußgelder bei Verstößen drohen. Überhöhte Liegestuhlgebühren, Strafe bei freiem Oberkörper am Strand, Strafe bei Badekleidung auf den Promenaden u.s.w. Wir lassen uns überraschen  und werden nach unserem Urlaub wissen ob die Wahl des Urlaubszieles richtig war.

 

Wo wir stets willkommen sind und auf das herzlichste begrüßt werden,  wissen wir seit letztem Jahr.

 

 
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